Julia und Evelyn Csabai haben mit „Letzter Aufruf Tegel!“ ein Buch über den Berliner Flughafen Tegel geschrieben und darin komische, skurrile und dramatische Geschichten festgehalten. Ich treffe die beiden Schwestern, die in Budapest aufgewachsen sind, an einem milden Novembertag in ihrem Café „Lola was here“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Im Interview erzählen sie, wie aus ihrer Leidenschaft für den Flughafen Tegel ein Buch entstanden ist.

 

 

© be.bra verlag
Letzter Aufruf Tegel! © be.bra verlag

Sie arbeiten beide als Fluggastbefragerinnen am Flughafen Tegel. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?

Julia: Wir haben vor mehr als 20 Jahren als Studentinnen am Flughafen angefangen zu arbeiten. Nach dem Studium sind wir einfach geblieben. Da wir beide als Freiberuflerinnen tätig waren – Evelyn mit einer Schauspieleragentur, ich als Fernsehjournalistin – war es gut, ein zweites Standbein zu haben. Außerdem sind wir süchtig nach dem Flughafen. Dort gibt es wahnsinnig viel zu beobachten und das macht irrsinnig viel Spaß. Wir sind von dem Job einfach nicht mehr losgekommen. Derzeit arbeiten wir noch etwa zehn Mal pro Monat in Tegel.

 

Woher kam die Idee, ein Buch zu schreiben, in dem Sie die Geschichten vom „tollsten Flughafen der Welt“ erzählen?

Julia: Als es hieß, dass der BER eröffnet wird, wussten wir nicht, wie es mit uns und der Fluggastbefragung weitergeht. Hätte Tegel wie geplant geschlossen, wären wir von heute auf morgen nicht nur arbeitslos, sondern wahrscheinlich auch „flughafenlos“ gewesen. Das hat uns sehr traurig gestimmt. Meine Schwester sagte dann irgendwann zu mir: „Wir sind so doof. Wir haben hier so viel gesehen und soviel erlebt. Wir kennen außerdem so viele Leute. Warum haben wir die Geschichten nicht aufgeschrieben?“ Als bekannt wurde, dass die Eröffnung vom BER verschoben wird und Tegel erstmal offen bleibt, haben wir am nächsten Tag sofort beschlossen, das Buch zu schreiben.

 

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Julia: Zuerst haben wir die Pressestelle des Flughafens und alle Firmen am Flughafen angeschrieben. Sie haben uns Interviewpartner vermittelt. Wir haben mit den Flughafenmitarbeitern sehr viele und teilweise auch sehr lange Interviews bis zu vier Stunden geführt. Dann haben wir mit Hilfe von Freunden alles abgetippt. Wir hatten insgesamt etwa 1.300 Seiten. Die interessantesten Geschichten haben wir nach Themen sortiert. Von der Idee bis zur Fertigstellung des Buches sind drei Jahre vergangen.

 

Bitte beschreiben Sie uns Ihren Lieblingsflughafen Tegel in fünf Wörtern.

Evelyn: Oh je, mir fallen 50.000 Wörter für Tegel ein. Auf jeden Fall hat Tegel eine Seele. Das war auch unser Anliegen, mit dem Buch, die Seele von Tegel einzufangen. Ansonsten würde ich sagen: Tegel ist herzlich, solidarisch, improvisiert, voll und typisch Berlin.

Julia: Ja, Tegel ist ein Flughafen mit Seele. Er ist aber vor allem auch funktionell. Aber man muss richtig anpacken, dass es funktioniert. In fünf Wörter gepackt: Tegel ist klein, süß, voll, freundlich und menschlich.

 

 

© Daniela Eger
Julia und Evelyn Csabai © Daniela Eger

 

Was war Ihre interessanteste Begegnung in Tegel?

Julia: Das ist die Geschichte mit dem vergessenen Baby. Ich kam gerade aus London zurück und stand am Gepäckband, als plötzlich neben mir eine junge Frau ganz laut zu schreien anfing. Sie müsse ganz schnell ins Flugzeug zurück, weil sie dort ihr Baby vergessen hätte. Es war ein Schock. Natürlich durfte sie in Begleitung zurück an Bord und ihr Baby holen. Ansonsten hat mich die Geschichte mit dem älteren Ehepaar aus dem Kapitel „Flughafen-Bewohner“ fasziniert. Das Ehepaar kam regelmäßig zum Flughafen ohne tatsächlich abzufliegen. Sie waren unglaublich höflich zueinander und taten einfach nur so, als ob sie verreisen würden.

Evelyn: Ich begegnete einmal einer Frau, die ausgesprochen nett war und sich über die Befragung mit mir freute. In dem Moment als ich die erste Frage gestellt hatte, bemerkte ich, dass sie taubstumm war und alles von meinen Lippen ablas. Sie war so glücklich, dieses Interview mit mir zu machen. Das hat mich beeindruckt.
Eine andere unvergessliche Begegnung war die mit einem Inder. Er beantwortete meine Fragen sehr gewissenhaft und ausführlich. Als wir fertig waren, fragte er mich, ob ich ihm einen Notarzt rufen könne. Ihm ginge es sehr schlecht und dann wurde er plötzlich ohnmächtig.

 

Welches ist Ihr Lieblingskapitel?

Julia: Ich mag das Kapitel „V.I.A.s“. Darin geht es um schwierige Passagiere. Am Flughafen muss man sich mit jeder Art von Menschen arrangieren und dabei höflich bleiben. In diesem Kapitel kann man von einer Frau lesen, der nach dem Check-in auffiel, dass Ihr Doktortitel auf der Bordkarte fehlte. Das ging natürlich gar nicht. Die Frau machte einen Aufstand.

Evelyn: Ich liebe die Froschgeschichte. Das ist eine Parabel dafür, wie absurd Menschen sein können.

 

Warum ist Tegel für Sie der tollste Flughafen der Welt?

Evelyn: Es ist dieses Phänomen, dass Tegel trotz des hohen Flugaufkommens, trotz aller Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, funktioniert. Und zwar funktioniert er vor allem deswegen, weil es sehr viele Mitarbeiter gibt, die täglich über ihre Grenzen hinausgehen. Im Buch finden Sie die Geschichte über eine Mitarbeiterin, die einen Hund spontan über Nacht mit zu sich nach Hause genommen hat, da er nicht im gleichen Anschlussflieger wie sein Herrchen gelandet war.

 

Wie geht es für Sie weiter? Planen Sie ein zweites Buch?

Julia: Unser Vertrag am Flughafen wurde gerade wieder verlängert. Wir denken, dass wir diese zwei Jahre auf jeden Fall noch mitmachen werden. Momentan geben wir viele Lesungen. Unser Buch verkauft sich ganz gut, weil es für viele Leute eine gute Reiselektüre ist. Es wird ja auch in den Flughafenshops verkauft.
Wir haben auch einen Blog, auf dem wir regelmäßig Geschichten über Tegel veröffentlichen. Für uns wäre es eine große Freude, wenn wir irgendwo eine regelmäßige Kolumne über Tegel schreiben könnten.

Evelyn: Wir haben noch zwei, drei Umzugskartons voller Geschichten, die wir für unser Buch recherchiert haben. Wir haben sehr viel gesammelt. Das reicht glatt für ein weiteres Buch. Und es kommen ja immer wieder neue Geschichten hinzu. Wir bekommen sehr viele positive Emails zu unserem Buch von den Flughafenmitarbeitern. Eine Frau schrieb uns, dass es genau das Buch sei, das sie selbst immer hätte schreiben wollen. Allein für diese eine Email hat sich das Ganze schon gelohnt.

 

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Veröffentlicht am: 24.11.2015
von in Flughäfen Schönefeld und Tegel, Gesichter am Flughafen, Medienrundflug
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Katrin Knauth

Katrin Knauth

Katrin Knauth betreut seit 2007 als freie Redakteurin verschiedene Flughafen-Publikationen. Für den Blog schreibt sie über neue Ziele, Reisen mit Kindern und Berliner Kulturthemen. Sie liebt das Schreiben ebenso wie das Reisen. Ihr Lieblingsreiseziel: Südostasien.

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