von Ute Kindler

  • Streng abgeschirmter Bereich seit gut 60 Jahren: das „Generalshotel“ auf dem SXF.

  • Prächtige Eingangshalle mit Marmor- und Travertin-Verkleidung aus Sowjetzeiten.

  • Hotel-Original aus sozialistischen Zeiten.

  • Wandanstrich-Dokumentation für den Denkmalschutz.

  • Denkmalgeschützte Lampen neben aktueller Nutzung.

  • Vom Keller des Hotels aus konnten auch die Rollbahnbeleuchtungen ein- und ausgeschaltet we

  • Blick in den verwilderten Park vom Balkon der Hotel-Etage.

  • Zum Greifen nah: mehrmals täglich passieren Flugzeuge das Generalshotel.

  • Hotelinsel zwischen den Rollbahnen.

Sehen kann man es schon von Weitem, – nur hin kann man nicht! Zumindest nicht als Normal-Mensch. Und deshalb ranken sich viele Geschichten um das sozialistische Dornröschenschloss im Sicherheitsbereich des Flughafens Schönefeld. Ein wenig versteckt liegt es, in einem verwilderten und üppig wuchernden Park. Der Lack, bzw. der Kratzputz ist schon ein wenig ab von den klassizistischen Mauern. Nur ein paar Meter entfernt rollen die Flugzeuge zur Startbahn, so dicht, dass man Angst hat, die Tragflächen könnten die Fassade berühren.

 

Gebaut wurde das geheimnisvolle „Generalshotel“ 1949 im Auftrag der sowjetischen Besatzungsmacht. Das „Haus für Spezialgäste“ war in erster Linie als Hotel für russische Offiziere gedacht. 1964 ging es an die „Organe der Zivilluftfahrt der DDR“. Die Direktion Flugbetrieb der Interflug zog in die erste Etage, unten die Passkontrolleinheit HA 6 des Ministeriums für Staatssicherheit und die Sonderabfertigung für Staatsbesuche.

 

Verändert wurde das Haus aber kaum. Äußerlich wirkt es nach wie vor eher unscheinbar, erst im Innern entfaltet es wahre Pracht: ein großer Kronleuchter hängt in der doppelgeschossigen Eingangshalle, die mit dunklem Marmor und grünem Travertin ausgestattet ist. Eine breite Treppe führt hinauf zur Galerie im ersten Stock, das Geländer gusseisern, überall blumenförmige Lampen, viel Holz, Goldbronze und eine imposante Holz-Kassettendecke. Oben auf der Galerie steht noch „Erichs Büfett“. Hier fanden immer die Empfänge statt. In den meisten Zimmern findet man noch Originalmöbel: Wandschränke, Holzvertäfelung, die Diplomaten- und die Staatssekretärs-Telefonzelle. In der Generals-Suite hängt sogar noch die ursprüngliche Seidentapete mit Blümchenmuster und Messinglichtschaltern. Und durch die Fenster sieht man wieder die Flugzeuge vorbeifahren, zum Greifen nah, – das wirkt wie eine Foto-Montage…

 

Breschnew und Gorbi waren hier, Juri Gagarin, Fidel Castro – aber auch Marlene Dietrich oder Claudia Cardinale…Immer dann wurde die Fassade mit meterhohen Staatsbannern geschmückt, der rote Teppich ausgerollt, Fahnen gehisst und auf dem Vorplatz stand das Empfangskomitee samt Musikkorps und Ehrenkompanie, – zumindest bei den wirklich wichtigen Staatsgästen. Irgendwann sind die lorbeerumwundenen Sowjetsterne aus dem Balkongitter und den Heizungsverkleidungen abhanden gekommen…aber ansonsten sieht es noch aus wie damals.

 

2009 durfte das Generalshotel noch einmal Geschichte mitschreiben:

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wurden hier wieder Regierungsdelegationen empfangen und abgefertigt. Innerhalb weniger Tage ließ das Auswärtige Amt das abgeschirmte Haus mit einigen Lkw-Ladungen Material als VIP-Bereich aufmöbeln. Dann kamen die Gäste aus Russland, Litauen, Ungarn, Griechenland und Bulgarien…

 

Zahlreiche Geschichten ranken sich bis heute um das geheimnisvolle Gebäude. Vieles davon ist frei erfunden: der Marmor im Foyer stammt nicht aus Hitlers Staatskanzlei, sondern aus dem Eingangsbereich der Maschinenfabrik Hasse & Wrede in Marzahn. Eine Kriegsbeute der Sowjets. – Und es gibt auch keinen unterirdischen Geheimgang zum Terminal. Das ist ein Versorgungsschacht, in dem sich Erwachsene nur auf allen Vieren vorwärts bewegen können. Aber aus dem Keller heraus konnte man natürlich die Landebahnbefeuerung und andere wichtige Funktionen des Flughafens Schönefeld steuern…

 

Was allerdings stimmt: das ehemalige Generalshotel ist ein wichtiger Zeuge der deutschen Nachkriegsgeschichte. Denkmaltechnisch hat es sogar „einen besonderen historischen Wert“ und wurde im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben akribisch dokumentiert. Und trotzdem wird das Denkmal immer noch eifrig genutzt: in den schicken holzgetäfelten Zimmern, in denen sich früher Staatsgäste tummelten, sitzen heute Bundespolizisten an den großen Schreibtischen, im ehemaligen Speisesaal wird Kampfsport trainiert und auf einem separaten Flur hat ein Entschärfertrupp Quartier bezogen – in der am besten gesicherten Polizei-Dienststelle der Republik!

Veröffentlicht am: 22.04.2014
von in Flughäfen Schönefeld und Tegel
Schlagwörter: , , | 2 Kommentare zu „Erichs kleiner Lampenladen“
gastautor

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Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.
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Kommentare (2)

  1. Karin MD-11 schrieb am 25. April 2014:

    Dieses Hotel würde ein toller spotterplaz anbieten!!!

  2. Dietmar Buve schrieb am 17. Januar 2015:

    Ein weiterer interessanter und lesenswerter Artikel, der auch zur Deutsch-Deutschen Geschichte gehört.
    Es gibt noch viele Themen in dieser Richtung. Well done!

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