von Tim Schütze

Im Feuerwehr Trainings- und Ausbildungszentrum (FTAZ) am Flughafen Berlin-Schönefeld üben an einem schönen Sommertag keine Feuerwehrleute, sondern Polizisten der Landespolizei Brandenburg. Doch was üben sie hier? Offensichtlich hat es irgendetwas mit der Luftfahrt zu tun. Wollen sie trainieren, wie man ein entführtes Flugzeug stürmt? Wollen sie ein neues Gerät testen? Die Spürhunde auf ihre Einsätze vorbereiten oder betreiben sie ganz einfach nur sportliches Training?

 

Folgende Szenerie bietet sich einem beim Betreten des FTAZ an diesem Tag: Polizisten in Einsatzkleidung befinden sich auf dem Gelände. Einige Personen tragen ein für medizinische Einrichtungen typisches grünes Gewand, andere sind komplett in weiß gekleidet, als wäre eine Epidemie ausgebrochen. Dazwischen außerdem einige Leute in zivil. Zelte stehen herum. Auf einem die Aufschrift: „Streugutsammelstelle“. Darüber hinaus parken hier natürlich auch mehrere Polizeifahrzeuge.

 

Rund um eine Attrappe, die leicht erkennbar ein abgestürztes Flugzeug darstellt, liegen im Umkreis von mehreren Metern Gegenstände verstreut: Koffer, Kleidung, Schuhe und andere Objekte. Beim genauen Hinsehen erweisen sich viele der Gegenstände als Puppen oder besser gesagt nur Teile von Puppen. Polizeiabsperrband verdeutlicht, dass dieser Bereich nicht betreten werden darf. Was geht hier also vor sich? Was übt die Polizei hier nun also seit 8 Uhr morgens?

 

Die Brandenburger Beamten proben das, was nach einem Flugzeugabsturz zu tun ist – und zwar nachdem die unmittelbare Gefahr bereits vorüber ist, alle Verletzten geborgen und eventuelle Feuer gelöscht sind: Die Bergung und Identifizierung der Toten sowie die Erfassung und Dokumentation des Status quo der Unglücksstelle. Dies dient letztendlich auch der Untersuchung zum Unfallhergang und zur Ursache.

 

Das komplexe Üben zur Bewältigung einer derartige Katastrophe durch die beteiligten Polizeibeamten, Kriminaltechniker und Rechtsmediziner der Soko Kat („Sonderkommission Katastrophenfall“) ist für die Brandenburger Polizei von besonderer Bedeutung. Hier können sie sich in einem Übungsszenario darauf vorbereiten, was sie in der Realität erwarten würde. Das hier ist zwar zum Glück nur eine Übung, dennoch ausreichend, um ein beklemmendes Gefühl zu erzeugen. Laut Übungsleiter hat bisher noch keiner der ungefähr 150 Übungsteilnehmer eine solch große Katastrophe miterlebt.

 

Rund um die Attrappe des abgestürzten Flugzeuges liegen die Puppen und Puppenteile, die ganz unterschiedlich präpariert wurden. So stellt eine Puppe zum Beispiel einen verkohlten Körper dar, einer anderen fehlt der Kopf. Insgesamt ca. 30 fiktive Leichen wurden verteilt. Im Ernstfall müsste bei einem Flugzeugabsturz ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern nach Leichenteilen und Gegenständen abgesucht werden. Die Toten müssen geborgen, identifiziert und die Unfallstelle letztendlich auch geräumt werden. Mit ein paar Metern Abstand kommt das Äußere der Puppen der Realität tatsächlich bedrückend nahe.

 

Die Räumung und Sichtung des Unglücksortes teilt sich in drei Etappen. Zuerst kommen die Entschärfer USBV – die „Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung“. Sie überprüfen und stellen sicher, dass von der Unfallstelle für die Kriminalbeamten und alle anderen Helfer, die später am Unglücksort arbeiten und ihn räumen, keine Gefahr mehr ausgeht. Der Ort der Katastrophe wird außerdem abgesperrt und in einzelne etwa gleich große Quadrate aufgeteilt, welche auch durchnummeriert werden.

 

Als nächstes findet Quadrat für Quadrat die Bergung statt. Vorher stülpen sich die Kriminaltechniker weiße Schutzanzüge über ihre Körper und Atemmasken über ihr Gesicht. Bevor sie die Leichen und Leichenteile bergen, wird in jedem Untersuchungsquadrat alles fotographisch dokumentiert. Spätestens jetzt erinnert die Szenerie an einen riesigen Tatort aus dem Sonntagabendkrimi.

 

Dann werden die menschlichen Überreste zu den Rechtsmedizinern gebracht. Dafür ist gleich am Unglücksort auch eine mobile Einheit eingerichtet. Die letzte Etappe innerhalb der Soko Kat findet statt. Die Kolleginnen und Kollegen ganz in grün gekleidet untersuchen die Toten, um ihre Identität und die genaue Todesursache festzustellen. Das ist angesichts der Verletzungen, die manche Puppen haben, nicht immer einfach. Auch hier wird alles schriftlich dokumentiert und auf Fotos festgehalten. Das alles geschieht vor Ort. Bei der Übung dient die Fahrzeughalle der Wache der Flughafenfeuerwehr am Flughafen Berlin-Schönefeld, gleich neben dem FTAZ , als Anlaufstelle für die Rechtsmediziner.

 

Außerdem gibt es als besonderen Service am Übungstag am Ort der Katastrophe den Toilettenwagen oder die „E-Kü“, die Einsatzküche. Es stellt sich die Frage, ob man bei einem solchen Einsatz mit fürchterlichen Bildern, die sich den Helfern bieten, noch Hunger hat. Doch im Ernstfall wären die bis zu 12 Stunden am Stück im Einsatz, bevor sie von der nächsten 12-Stunden-Schicht abgelöst werden. Da muss man sich trotz der schrecklichen Eindrücke sicherlich irgendwann stärken.

 

Bei der Übung anwesend ist natürlich auch ein Vertreter des Einsatznachsorgeteams, in diesem Fall der Polizeipfarrer. Er ist für die „Nachsorge“, also die psychische Betreuung der Kriminalbeamten sowie weiterer Helfer da. Sie funktionieren erst einmal, erledigen ihre Arbeit. Die emotionale Verarbeitung des Geschehens kommt dann meist später. Auch im wirklichen Leben vertrauen ihm Beamte Erlebnisse an, die sie schon sehr lange mit sich herumtragen. Doch heute ist glücklicherweise alles nur gespielt. Hoffentlich bleibt es dabei.

Veröffentlicht am: 17.09.2013
von in Flughäfen Schönefeld und Tegel, Luftverkehr
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gastautor

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Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.

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