Check-In nach Lyon? Auch das wird am 13.7.2013 in Terminal D nur simuliert. Für die Öffentlichkeit ist der Bereich am Flughafen Tegel an diesem Samstag gesperrt. Denn TXL probt den Ernstfall. Und Passagiere sind heute in Terminal D ausschließlich Statisten. Die „Rescue Air“ nach LYS mit Flugnummer XY1234 hebt also gar nicht wirklich ab, sondern dient einzig und allein Übungszwecken. Die International Civil Aviation Organisation (ICAO) fordert im Abstand von nicht mehr als zwei Jahren die Überprüfung des Notfallplans, um Abläufe und Informationswege zu überprüfen und eventuelle Schwachstellen aufzudecken.

 

Für die Notfallübung am Flughafen Berlin-Tegel mussten sich Komparsen vorher anmelden. Nach Freiwilligen wurde unter den Flughafenmitarbeitern und gemeinnützigen Organisationen gesucht. So ist unter anderem die „RUD – Lausitz“ der Johanniter aus Cottbus mit vor Ort. Gut zweihundert Reisende sind für den Flug XY1234 „gebucht“.

 

Vor der Übung erhalten die Statisten eine Einweisung. Man soll sich so verhalten, wie man das auch im Ernstfall tun würde. Das bedeutet, dass beispielsweise die Feuerwehr angerufen und auch Brandmelder betätigt werden können. Die Rettungsleitstelle weiß über die Übung natürlich Bescheid, so dass Missverständnisse ausgeschlossen sind. Über das Szenario wurden vorher auch alle Teilnehmer informiert: Aus ungeklärter Ursache fängt ein Snackautomat im Transitbereich des Terminals D Feuer. Starker Rauch entsteht. Und ganz wichtig: Sollte während der Übung tatsächlich der Ernstfall eintreten – Feuer, Verletzte oder ähnliches – so ist dies mit dem Wort „Tatsache…“ beginnend zu melden.

 

Um alles so realistisch wie möglich gestalten zu können, erhalten die Komparsen auch Gepäck. Ab 14 Uhr kann eingecheckt werden. Die Koffer werden aufgegeben und jeder erhält eine fiktive Bordkarte. Dann geht es durch die Sicherheitskontrolle. Nach und nach erreichen alle „Fluggäste“ den Wartebereich vor den Gates im Terminal D. Alles fühlt sich tatsächlich ein wenig wie bei einer richtigen Flugreise an. Kostenlose aktuelle Zeitungen gibt es auch. Alle warten gespannt. Man könnte meinen, sie würden auf Ihren Flug warten. Doch in Wirklichkeit wird darauf gewartet, dass die Übung beginnt, Alarm ausgelöst wird. Das Szenario ist klar. Doch was wann wo und wie passiert, weiß keiner der Statisten.

 

Plötzlich dringen Rauchschwaden durch die Halle. Nebel aus Trockeneis, wie man ihn aus der Disco kennt, hilft dabei, die Szenerie so realistisch wie möglich zu gestalten. Der Snackautomat fängt an, “lichterloh zu brennen”. Im Ernstfall bräuchte man wohl zunächst auch einige Sekunden, um zu begreifen, was da eigentlich gerade passiert. Innerhalb dieser Sekunden ist der Rauch jedoch schon wesentlich dichter geworden und hat sich weiter ausgebreitet. Es ertönt der Feueralarm und ein Feuerschutztor kommt aus der Decke gefahren und trennt den Gefahrenbereich vom restlichen Terminal, um die Rauchentwicklung einzudämmen. Die Komparsen strömen zu den Notausgängen. Einige Sekunden lang ist die Situation verwirrend, auch wenn es nur eine Übung ist. Alles geht sehr schnell. Dann sind alle draußen. „In Sicherheit!“

 

Mitarbeiter des Flughafens nehmen die Geflüchteten in Empfang und bitten höflich, aber bestimmt, sich am Sammelpunkt in sicherer Entfernung zum Terminal einzufinden. Eine “verletzte” Person schluchzt und schreit um Hilfe. Sie ist am Kopf und an den Armen mit blutroter Farbe geschminkt und läuft ziellos umher. Sie sucht nach ihrem Freund, weiß nicht mal mehr wie er heißt und ist drauf und dran, wieder in das verrauchte Terminal zurück zu kehren. Sie steht unter Schock. Aber auch das ist nur gespielt. In Wirklichkeit würde sie sich genau so verhalten. Denn Opfer von Unglücken irren tatsächlich meist verwirrt und leicht apathisch vollkommen ziellos umher.

 

Andere beschweren sich, was denn nun mit ihrem Flug sei und sie doch nach Lyon wollten. Die Statisten der „RUD-Lausitz“ machen es den Helfern wirklich nicht zu einfach und geben ihnen damit ein gutes Training für den echten Einsatz. Sie schreien, beschweren sich. Und auch andere Komparsen entwickeln Kreativität und scheinen spontan Lust auf ein wenig Schauspielerei zu bekommen. Ursprünglich waren im Übungsszenario weniger Verletzte vorgesehen, als es dann am Ende tatsächlich sind. Im Ernstfall ist die Anzahl der Verletzten eben auch nicht vorhersehbar. Jemand gibt vor, er dehydriere. Dann kippt er um und bleibt liegen. Wasser wird gebraucht, wonach sich auch anderen sehnen. Eine Rollstuhlfahrerin braucht Hilfe. Ein anderer ist in Panik die Fluchttreppe hinunter gestürzt und bleibt bewusstlos liegen. Natürlich ist auch das alles nur vorgetäuscht.

 

Doch Rettung naht schnell. Feuerwehrmänner, Sanitäter und Polizisten kümmern sich um die vermeintlich Hilfe Suchenden. Die Übung dient hauptsächlich den Rettern, um für den Ernstfall  gewappnet zu sein. Jedoch dürfte es auch für die Komparsen eine Erfahrung sein. Die Frage, wie man selbst im Ernstfall reagieren und was man tun würde, kommt auf. Auch die Erkenntnis, dass der Jahre zurückliegende Erste-Hilfe-Kurs doch noch einmal aufgefrischt werden sollte - wenn nicht eigentlich sogar müsste.

 

Gegen 15 Uhr ist die Übung erfolgreich beendet. Alle Teilnehmer bekommen als Dankeschön ein leckeres Lunchpaket sowie kleine Präsente. Um eine Erfahrung reicher geht es zurück in die Realität. 

 

Jetzt werden die Erkenntnisse im Detail ausgewertet. Eines steht aber schon kurz nach der Übung fest: Die Hauptziele wurden erreicht, so die Verantwortlichen. Das Rettungskonzept in TXL hat also funktioniert.

Veröffentlicht am: 23.07.2013
von gastautor in Flughäfen Schönefeld und Tegel, Luftverkehr Kommentar hinzufügen
gastautor

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Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.
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