Meine Großmutter pflegte immer zu sagen, dass es am schönsten in der Heimat sei. Ganz klar: Heimat ist Heimat. Doch ich gehöre zu den Menschen, die regelmäßig von Fernweh geplagt werden. Raus aus der vertrauten Umgebung, rein in die Fremde. Je weiter, desto besser. Gut, dass man ab Berlin elf Fernziele nonstop erreichen kann. New York, Los Angeles und Peking gehören dazu. Neuerdings auch Chicago.

 

Vor zehn Jahren habe ich fast ein Jahr lang in Vietnam gelebt. Seitdem bin ich großer Asien-Fan und fliege regelmäßig dorthin zurück. Ich fliege in die Fremde und dennoch ist es jedes Mal, wie ein nach Hause kommen. So wohl fühle ich mich dort. Das Fernweh zu stillen bedeutet jedoch, lange zu fliegen. Sehr lange. Jeweils etwa neun Stunden gen Peking oder nach New York. Mit Umstieg sogar noch länger.

 

Das heißt: Man verbringt auf kleinstem Raum an Bord viele Stunden mit fremden Menschen. Seinen Sitznachbarn kann man sich nicht aussuchen. Ein Sitzplatztausch undenkbar, wenn der Flieger voll ist. Meine Devise: Gelassen bleiben und die Not zur Tugend machen. Kommen unter diesen Umständen doch oft interessante Begegnungen zustande.

 

So hatte ich auf meinem letzten Rückflug von China einen sehr interessanten Sitznachbarn aus Hongkong. Er war auf dem Weg in ein buddhistisches Meditationszentrum nahe Frankfurt und zu seiner Tochter nach London. Einen Hongkong-Chinesen als Gesprächspartner zu haben, ist wahrlich erleuchtend. Bekommt man doch so viele Einblicke in eine Stadt, die mir über die Jahre ans Herz gewachsen ist.

 

Auf dem Flug nach Indien saßen zwei ältere Herren mit Turban vor mir. Eine gute Einstimmung auf Indien, dachte ich. Später erzählten sie mir, dass sie Sikhs seinen und auf dem Weg von Großbritannien in den Punjab, dem Bundesstaat im Norden Indiens, sind. Der Sikhismus gehört zur fünfgrößten Religion der Welt. Ehrlich gesagt, wusste ich bis zu dem Tag so gut wie gar nichts über die Sikhs. Doch auf diesem Flug erfuhr ich allerhand. Alle männlichen Sikhs heißen mit Nachnamen Singh, alle Sikh-Frauen Kaur. Singh heißt übersetzt Löwe und Kaur bedeutet Prinzessin. Die Namensgleichheit steht für die Gleichberechtigung unter den Sikhs.

 

Als ich nach New York geflogen bin, saß ein junger Schriftsteller neben mir. Anfangs war er nicht so gesprächig, sondern mehr mit seinem Laptop beschäftigt. Später ließ er mich wissen, warum. Er schrieb an seinem neuen Roman, einem Krimi, der in Manhattan spielt. Er fliege nach New York, um vor Ort zu recherchieren. Er machte ein großes Geheimnis um die Romanhandlung. Verständlich, obwohl ich es gern erfahren hätte.

 

Ich könnte ein Buch über die vielen Begegnungen an Bord schreiben. Leider hatte ich nicht immer angenehme Sitznachbar. Es gab auch Leute, die ihre Nase gerumpft haben, als ich mit meinen kleinen Kindern eingestiegen bin. Oder Leute, die sich über ihren Sitz hinaus bereit gemacht haben. Es nützt nichts. In einem Flieger sitzt man nun mal eng zusammen. Da gilt es, das Beste daraus zu machen. Jeder noch so lange Flug geht schließlich irgendwann zu Ende.

Veröffentlicht am: 16.05.2013
von Katrin Knauth in Luftverkehr Kommentar hinzufügen
Katrin Knauth

Katrin Knauth

Katrin Knauth betreut seit 2007 als freie Redakteurin verschiedene Flughafen-Publikationen. Wer das Magazin Gate oder die Travel News aufschlägt, liest häufig Artikel von ihr. Für den Blog schreibt sie über neue Ziele, Reisen mit Kindern und Berliner Kulturthemen. Sie liebt das Schreiben ebenso wie das Reisen. Ihr Lieblingsreiseziel: Südostasien.
This entry was posted in Luftverkehr. Bookmark the permalink.

Kommentar hinzufügen

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Ähnliche Artikel

  • No Related Post