Pfarrer Justus Fiedler

Pfarrer Justus Fiedler

 Gerne möchten wir euch unsere Flughäfen aus ganz verschiedenen Perspektiven vorstellen. Jenseits von Boeing oder Airbus, Abfliegen oder Ankommen kümmern sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch um komplett andere Themen. Zum Beispiel die beiden Pfarrer Justus Fiedler und Pater Wolfgang Felber, die als Seelsorger an den Flughäfen Schönefeld und Tegel arbeiten. Unterstützt wird die Flughafenseelsorge von einem Team ehrenamtlicher Helfer, darunter Pfarrer i.R. Michael Kennert. Ein Gespräch über Grenzfälle der Seelsorge, Menschen ohne Orientierung und Adventssingen am Check-in-Schalter.

 

Wie muss man sich die Arbeit eines Flughafenseelsorgers eigentlich vorstellen?
Justus Fiedler: Die Flughafenseelsorge ist eine Anlaufstelle für Reisende, aber auch für die Mitarbeiter an den Flughäfen. Man kann zu uns kommen, aber wir gehen auch auf die Menschen zu. Und wenn ich hier unterwegs bin, geht es mir oft so, dass mich die Fluggäste anschauen und fragen: Flughafenseelsorge, seit wann gibt’s denn so was?
Wolfgang Felber: Häufig werden wir auch von Fluggesellschaften oder Reiseveranstaltern angerufen und zum Beispiel darüber informiert, wenn ein Fluggast im Flugzeug sitzt, der gerade einen Trauerfall zu verarbeiten hat oder wenn aus einem Kriegsgebiet eine Familie einreist. In solchen Situationen sind wir dann da.

 

Und wenn gerade nichts Besonderes geschieht?
Michael Kennert: Dann habe ich hier meine feste Runde, die mich durch alle Bereiche des Flughafens führt, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die dauert im Schnitt anderthalb Stunden. Und auf dem Weg habe ich eine Vielzahl von Begegnungen – mit den Verkäufern und Verkäuferinnen in den Geschäften, mit Mitarbeitern an den Schaltern der Fluggesellschaften oder mit dem Sicherheitspersonal.
Wolfgang Felber: Teilweise gehen die Gespräche dann auch in eine Richtung, die weit über unseren eigentlichen Auftrag hinausgeht. Für viele Menschen sind wir einfach eine Art Sozialdienst.

 

Sozialdienst?
Wolfgang Felber: Ja, dass wir uns also um Fragen kümmern, die nicht in den Bereich der Seelsorge fallen. Ich denke zum Beispiel an eine siebenköpfige Familie, die hier nach der Landung in Schönefeld von mir wissen wollte, wo sie denn nun am Wochenende in Berlin am besten unterkommen könne. Oder schwierigere Fälle, wenn hier Menschen landen, die kein Geld haben. Dann müssen wir auf einmal organisieren, wo sie übernachten können oder etwas zu essen bekommen.

 

Ist dieser Sozialdienst denn so einfach von der Seelsorge zu trennen?
Wolfgang Felber: Nein, das sicher nicht. Aber ich merke, dass ich in diesen Situationen manchmal überfordert bin.
Justus Fiedler: Wir sind eben keine Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter, sondern Pfarrer.

 

Arbeiten Sie hier allein?
Justus Fiedler: Nein, wir bekommen viel Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern. Im vorigen Jahr haben wir einen Ausbildungskurs ins Leben gerufen, an dem zwölf Interessierte mit ganz unterschiedlich beruflichem Hintergrund teilgenommen haben. In diesem Jahr haben wir eine zweite Ausbildungsstrecke mit 14 Ehrenamtlichen begonnen, so dass wir im nächsten Jahr zwischen 20 und 25 ehrenamtliche Mitarbeiter haben werden, die uns in der Arbeit unterstützen können.

 

Was treibt diese Menschen an?
Wolfgang Felber: Viele suchen nach einer Tätigkeit, die sinnstiftend ist.

 

Und ist sie das?
Justus Fiedler: Ich denke schon. In der Flughafenseelsorge hat jeder seinen Bereich, in dem er oder sie gut unterwegs ist. Es gibt Mitarbeiter, die einen sehr guten Draht zu den Polizisten haben. Andere wiederum gehen häufig zu den Mitarbeitern der Ersten Hilfe. Und wieder andere engagieren sich am liebsten in der Arbeit mit den Passagieren. Auf diese Weise sucht sich jeder einen Bereich, in dem die eigene Persönlichkeit am besten zum Ausdruck kommt.

 

Wie wichtig ist die Seelsorge am Flughafen?
Justus Fiedler: Sehr wichtig! Es wird immer wichtiger, dass sich die Kirchen nicht allein in die Ortsgemeinden mit ihrer Komm-Struktur zurückziehen. Wir haben schließlich den Auftrag, in die Welt hinaus zu gehen.
Wolfgang Felber: Ich sehe uns schon auch als Visitenkarten unserer Kirchen. Wenn Menschen am Flughafen uns Seelsorger erleben, dann bekommen sie häufig einen ersten Eindruck von der Kirche in Berlin, hoffentlich einen guten.
Justus Fiedler: Und wenn der BER eröffnet, werden wir dort sogar eine Kapelle haben, die wir nicht nur für seelsorgerliche, sondern auch für liturgische Angebote nutzen können. Dort sollen auch Gottesdienste und Andachten stattfinden.

 

Wir sind ja nun gerade im Advent. Ist diese Zeit auch hier eine besondere Zeit?
Michel Kennert: Höchstens, dass die Menschen hier auch an den Feiertagen Dienst machen müssen. Was vielen häufig nicht leicht fällt. Für andere wiederum ist es die einzige Möglichkeit, an den Feiertagen nicht alleine zu sein. Ich habe hier schon mit Mitarbeitern gesprochen, die gesagt haben: Ich komme an Weihnachten, damit ich sonst nicht die ganze Zeit alleine zu Hause hocke. Auch das ist eine seelsorgerliche Situation.

 

Planen Sie etwas Besonderes zu Weihnachten?
Justus Fiedler: Wie in den vergangenen Jahren auch, wollen wir am ersten Weihnachtsfeiertag wieder mit den Menschen singen. Wir schnappen uns die Gitarre und die Liederhefte und sind schon ganz gespannt, wie viele Menschen mit uns singen. Wir fangen erst in Schönefeld an und fahren dann nach Tegel.
Michael Kennert: (lacht) Ja, an Weihnachten, da müssen… äh, da dürfen wir alle singen.

 

Veröffentlicht am: 20.12.2012
von in Flughäfen Schönefeld und Tegel
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gastautor

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Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.

Kommentare (1)

  1. Gerlinde Frei schrieb am 21. Juni 2015:

    liebes Seelsorge-Team am Flughafen Tegel oder Schönefeld,
    heute hörte ich gespannt ihrem Bericht im Radio zu, ich bin ganz fasziniert, was man doch noch so alles tun kann, wofür man noch gebraucht wird.
    Kurz zu meiner Person:
    ich bin 59 Jahre, sollte noch im Arbeitsprozeß stehen – wurde in der Probezeit gekündigt.
    Habe 7 Jahre lang ehrenamtlich in der Notfall-Seelsorge gearbeitet, bis mich mein damaliger Arbeitgeber vor die Wahl stellte, Job oder ehrenamtlich.
    Habe die Ausbildung des Notfallseelsorgers Stufe I und II in Bad Saarow abgeschlossen.
    Im Bereitschaftsdienst war meine Aufgabe — mit der Polizei die Todesnachricht an Familienangehörige zu überbringen und die Nachsorge zu leisten.
    Ich würde gerne dort weitermachen, natürlich mit der entsprechenden Ausbildung.
    Bitte nehmen sie Kontakt zu mir auf.
    mit freundlichen Grüßen
    Gerlinde Frei
    [Tel-Nr. aus Datenschutzgründen entfernt]

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