von Nicole Dapper

Heute vor vier Jahren war ein geschichtsträchtiger Tag. Für Berlin und für die gesamte europäische Luftfahrt. Denn am 30. Oktober 2008 endete nach über 80 Jahren der Flugbetrieb auf dem Flughafen Tempelhof.  Eine Dornier 328 der Cirrus Airlines als letzte reguläre Linienmaschine und zwei historische Flugzeuge, die Junkers Ju-52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung und der „Rosinenbomber“ DC 3 des Air Service Berlin, starteten am Abend des 30. Oktober 2008  als letzte Flieger von der Mutter aller Flughäfen. Ein Tag, der sicher vielen in Berlin noch lange in Erinnerung bleiben wird. Und für uns Grund genug im Archiv zu wühlen und einen kleinen Blick zurück zu wagen.

 

Orville Wright im Jahr 1909

Tempelhof gilt zu Recht als die Wiege der Luftfahrt: Am 04. September 1909 hob erstmals in Deutschland ein Motorflugzeug für einige Minuten vom Boden ab. Der Amerikaner Orville Wright leitete auf dem Tempelhofer Feld das Zeitalter des Motorflugs in Deutschland ein. Vor Tausenden von Zuschauern bestieg er seinen Flugapparat und ließ sich mit Hilfe einer katapult-ähnlichen Startvorrichtung in die Luft schießen. Wrights erster Flug dauerte nur wenige Minuten, aber – mit jedem Versuch blieb er mit seinem Doppeldecker länger in der Luft und brach am 17. September mit einer ganzen Stunde Flugzeit den Welthöhenrekord von 160 Metern.

 

 

 

Die Flugtechnik entwickelte sich rasant weiter. Und trotzdem blieb das Fliegen vor allem eins: ein Abenteuer. Als das Verkehrsministerium am 8. Oktober 1923 die vorläufige Konzession für den Flugverkehr in Tempelhof erteilte, stand auf dem neuen Flugplatz genau ein Bauwerk: Eine Bretterbude mit der stolzen Aufschrift “Flughafen Berlin”. Die Mitglieder des Magistrats ließen sich aber nach einem Rundflug von dem selbstbewussten Auftreten des neuen Flughafens überzeugen und erteilten die dauerhafte Konzession: Tempelhof wurde Zentralflughafen.

 

 

 

Der erste Linienflug der Lufthansa 1926

Der Zentralflughafen Tempelhof entwickelte sich zum größten Drehkreuz Europas und platzte Ende der 1920er Jahre aus allen Nähten: Berlin war zur Drehscheibe des internationalen Luftverkehrs herangewachsen, Tempelhof lag vor London, Paris und Amsterdam war an der Spitze der europäischen Flughäfen. Für die am 06. Januar 1926 in Berlin gegründete Deutsche Lufthansa AG wurde der Flughafen Tempelhof zum Heimatflughafen.

 

 

 

 

 

 

 

 

1936 begann der Bau eines komplett neuen Flughafens mit gewaltigen Ausmaßen. Der Bau des größten Flughafengebäudes der Welt sollte dem Hang Hitlers zum Monumentalen ebenso gerecht werden wie einem erwarteten Aufkommen von sechs Millionen Passagieren. Aber dieser Plan ging nicht auf: Im Laufe des  Zweiten Weltkrieges wurde der zivile Luftverkehr immer mehr ausgedünnt. Nach dem Ende des Krieges und einer kurzen Besetzung durch die sowjetische Armee übernahmen im Juli 1945 die Amerikaner die Hoheit über den Flughafen Tempelhof.

 

Operation Luftbrücke

 

 

Am 24. Mai 1948 verhängte die Sowjetunion über West-Berlin eine totale Blockade. West-Berlin, das fast komplett auf die Versorgung von außen angewiesen war, wurde von einem Tag auf den anderen der Lebensnerv abgeschnitten. Der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland General Lucius D. Clay traf eine mutige Entscheidung: Die 2,1 Millionen Menschen in der Inselstadt West-Berlin sollten komplett aus der Luft versorgt werden. Während der Luftbrücke wurden mit insgesamt 277.728 Flügen 2.326.205 Tonnen Versorgungsgüter transportiert. Tempelhof und die “Rosinenbomber” wurden zum Symbol für den Freiheitswillen der Berliner. Am 12. Mai 1949 beendeten die Russen die Blockade.

 

 

 

 

 

 

Flugsteig in Tempelhof

In den 50er Jahren liegt der Flughafen Tempelhof mit 671.555 Fluggästen hinter London und Paris an dritter Stelle der europäischen Verkehrsflughäfen. Und wächst weiter: Von 1959 bis 1963 wird die neue Fluggast-Abfertigungshalle ausgebaut und die umgebaute zentrale Passagier-Abfertigungshalle eröffnet (Halle B).

 

Am 31. August 1975 ziehen die beiden Airlines Pan Am und British Airways über Nacht zum Flughafen Tegel. Ab 1. September wird der zivile Liniendienst von und nach Berlin nur noch über Tegel abgewickelt.

 

 

Tempelhof aus der Vogelperspektive

Mit der deutschen Einheit am 03. Oktober 1990 wurde die Lufthoheit in Berlin den deutschen Behörden übergeben. Erstmals landeten wieder Flugzeuge der Lufthansa und anderer, nichtalliierter europäischer Staaten in Berlin. Auf dem Flughafen Tempelhof, der für den zivilen Verkehr geschlossen war, wurde der Flugbetrieb wieder aufgenommen. Ab Mitte der neunziger Jahre verlagerte sich der Flugverkehr von Tempelhof jedoch immer mehr auf die beiden anderen Flughäfen Tegel und Schönefeld. Das hatte zur Folge, dass sich das Verkehrsaufkommen in Tempelhof von Jahr zu Jahr verringerte.

Seit dem Konsensbeschluss vom Mai 1996 war klar: Ziel der Luftverkehrspolitik der Länder Berlin und Brandenburg ist es, den gesamten Luftverkehr der Region auf einem Standort zu konzentrieren. Als das Bundesverwaltungsgericht 2006 den Ausbau des Flughafens Schönefeld genehmigt ist die unabdingbare Voraussetzung für die Inbetriebnahme des neuen Flughafens die Schließung der innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof. Im April 2008 scheitert ein Volksentscheid zur Offenhaltung Tempelhofs. Am 30. Oktober 2008 schließt der Flughafen Tempelhof.

Veröffentlicht am: 30.10.2012
von gastautor in Flughäfen Schönefeld und Tegel
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gastautor

gastautor

Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.

Kommentare (2)

  1. Kühnl schrieb am 30. Oktober 2012:

    Danke der kurzen aber schönen Zeilen. Es war schon schön einen zentralen Flugplatz nben tegel in berlin zu haben. Wobei mir in dem Bericht leider die Entstehung und Präsenz des Tegeler feldes im zusammehang mit Tempelhof fehlt. Immerhin waren ja beide Flughäfen schon im zweiten WK vorhanden, auch wenn Tegel viel viel Später während der Luftversorgung des eingekesselten Berlins in Funktion kahm. Dennoch danke ich als wohl einer der wenigen Jungberliner für diese Anekdote und hoffe noch auf viele, weitere Lektüren für und über unser Berlin mit dessen Zeitgeist und weltweitem Ruhm. Anmerkung:Warum gibt es keine Links in diesem Artikel oder überhaupt auf der Berliner-Airport webseite zu Führungen und Besichtigungen des ehemaligen Tempelhofer-Flughafens? Ist schon traurig ansehen zu müssen, wie das berliner Herz boykottiert wurde und immernoch wird.

  2. Nicole Dapper schrieb am 30. Oktober 2012:

    Vielen Dank für den Kommentar! Und – Sie haben natürlich nicht ganz Unrecht: Ein Link zu den Führungen am Flughafen Tempelhof hätte dem Artikel sicher nicht geschadet. Deshalb jetzt so: Den Link zur Tempelhof Projekt Gmbh, die Führungen in dem Flughafengebäude veranstaltet, finden Sie hier:
    http://www.berlin-airport.de/DE/ReisendeUndBesucher/ErlebnisFlughafen/FuehrungenNEU/THF/Kontakt.html

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