„Wir bitten den Besitzer des gelben Koffers am Check-in Schalter A14 sich umgehend zu seinem Gepäckstück zu begeben!“ Wenn dieser Satz am Flughafen ertönt, ist es mal wieder so weit: Ein herrenloses Gepäckstück sorgt für Aufregung.

 

Doch was ist passiert? Ein aufmerksamer Mitarbeiter hat den Koffer (oder auch einen anderen so genannten „nicht zuzuordnenden Gegenstand“, kurz NZG) entdeckt und in dessen Umgebung den Besitzer nicht feststellen können. Solche Situationen werden von allen Mitarbeitern sehr ernst genommen. Wie vorgeschrieben, hat er den NZG bzw. den herrenlosen Koffer also sofort der Verkehrsleitung und der Flughafensicherheit gemeldet.
Nun wird umgehend ein entsprechender Ausruf über die Terminalbeschallung veranlasst und parallel die Polizei informiert. Die Polizisten erkunden die Lage direkt vor Ort. Sollte auch durch Befragung von Personen und mehrfaches Ausrufen der Besitzer nicht ausfindig gemacht und die Situation somit nicht geklärt werden können, wird intern ein so genannter Alarmplan aktiviert und die darin vorgesehenen Schritte eingeleitet.

 

Die zuständige Polizei entscheidet über den Einsatz von entsprechenden „Entschärfern“, die in kurzer Zeit vor Ort sind. Denn jetzt geht alles ganz schnell:
Die betroffenen Bereiche werden weiträumig abgesperrt. Nicht nur der Check-in Bereich, auch der dahinterliegende Wartebereich wird geräumt. Falls erforderlich, wird die Abfertigung eingestellt. In einigen Fällen muss vielleicht sogar ein Flugzeug, das sich zu nah am Ort des Geschehens befindet, weggeschleppt werden. Dadurch ist es notwendig, dass die Verkehrsleitung im Hintergrund die gesamte Flugzeug- und Fluggastabfertigung neu koordiniert und an andere Flughafenbereiche verlegt.

 

Wenn alle Mitarbeiter und Passagiere in Sicherheit gebracht sind und das Entschärfer-Kommando vor Ort ist, wird durch Einsatz von speziell für solche Zwecke vorgesehene ferngesteuerte EOD-Roboter (Explosive Ordnance Disposal) der Koffer aus der Ferne untersucht. Dabei kann der Roboter nah an den NZG herangefahren werden und überträgt per Videokamera live die Bilder an das Einsatzteam. Außerdem verfügt dieser über ein integriertes ferngesteuertes Wassergewehr. Wenn es die Situation erfordert, wird das Gepäckstück mit einem Hochdruck-Wasserstrahl (1500 bar) aufgesprengt, um den potentiell bedrohlichen Koffer unschädlich zu machen. Nach der Sicherung aus der Ferne begibt sich nun ein speziell ausgebildeter Polizist zu dem geöffneten Koffer. Er trägt eine schwere Sicherheitsausrüstung mit Schutzanzug und Schutzhelm und untersucht das Gepäckstück zusätzlich manuell, um es endgültig als harmlos einzustufen.

 

Und was findet er darin: Kleidung, und auch mal ein Brot und die dazugehörige Salami, eines einfachen Reisenden. Die Absperrungen werden nun wieder aufgehoben und die Abfertigungsprozesse können normalisiert werden – bis alles wieder wie geplant läuft kann jedoch manchmal schon ein bisschen Zeit vergehen.

 

Deshalb:  „Achtung, Sicherheitshinweis: Bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt! Über alleinstehende Gepäckstücke informieren Sie bitte das Sicherheitspersonal.“

 

Noch ein wertvoller Tipp, sollten Sie einmal selbst in der unangenehmen Situation sein, Ihren Koffer versehentlich irgendwo am Flughafen stehen gelassen zu haben: Wenn Sie just beim Airport-Shopping vor Ihrem Flug feststellen, dass Sie der Besitzer des Koffers sind, der gerade über die Ansage ausgerufen wird, sollten Sie besser nicht voller Freude darüber, das verloren geglaubte Gepäckstück wiedergefunden zu haben, jubelnd und eilig auf den Koffer und den danebenstehenden Polizisten, der gerade die Absperrung vorbereitet, zu rennen. Dies könnte erhebliche Missverständnisse hervorrufen. Denn in dieser Situation wird noch mehr als sonst jede Auffälligkeit als potentielle Gefahr angesehen.

 

Und wer sehen möchte, wie ein Koffer bei einer Entschärfungsübung mit einem tEODor („Telerob Explosive Ordnance Disposal and Observation Robot“) unschädlich gemacht und gesichert wird, dem ist folgender Beitrag des WDR zu empfehlen: WDR Kopfball

Veröffentlicht am: 04.09.2012
von in Luftverkehr
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Sandro Kupsch

Sandro Kupsch

Sandro Kupsch hat bei der Flughafengesellschaft seine Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann absolviert. Dabei hat er an den Flughäfen TXL und SXF selbst Flugzeuge und Passagiere abgefertigt und die komplexen Prozesse am Flughafen so hautnah erfahren. Jetzt ist er in der Pressestelle tätig und wird hier im Blog vorwiegend über luftverkehrsspezifische und operative Themen berichten und den Flughafenalltag sowie einige Besonderheiten erklären.
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