von Sebastian Worsch

Vor kurzem saß ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause und las in einem Luftfahrtmagazin einen interessanten Artikel mit dem Titel „50 Jahre Flughafen Berlin-Schönefeld“. Ich stutzte und fragte mich, wie das mit der Publikation „Fünfzig Jahre Ziviler Luftverkehr in Schönefeld“ zusammenpasst, die bereits im Jahr 2005, also vor sieben Jahren, erschien? Wie kann es sein, dass der zivile Luftverkehr in Schönefeld bereits im Jahr 1955 begann, wenn der Flughafen Schönefeld doch erst 1962 eröffnete? Meine Neugierde war geweckt.

 

Zu Hause angekommen recherchierte ich weiter und stieß dabei auf weitere interessante Fakten. Die Anfänge des Luftfahrtstandortes Schönefeld liegen in den Jahren 1934/1935, als die Nationalsozialisten dort eine Flugzeugfabrik durch den Flugzeugbauer Henschel errichten ließen. Die Produktion von Militärmaschinen lief bis zur Besetzung des Areals durch die Rote Armee Ende April 1945. Anfang Mai wurde bereits mit der Demontage der Produktionsanlagen begonnen. Als Militärflughafen nutzten die Sowjets zunächst den Flugplatz Johannisthal, der sich jedoch bald als zu klein herausstellte. Bereits 1946 erfolgte daraufhin die Verlegung des sowjetischen Militärluftverkehrs nach Schönefeld.

 

Und jetzt kommt ein Datum ins Spiel, das auf den ersten Augenblick beiden Jubiläen widerspricht. Denn bereits 1946 nahm die sowjetische Luftfahrtgesellschaft Aeroflot den zivilen Liniendienst zwischen Schönefeld und Moskau auf. Irgendwann zwischen 1946 und 1949 folgten noch LOT aus Polen (Warschau-Schönefeld-Brüssel-Paris) und CSA aus der Tschechoslowakei (Prag-Schönefeld-Stockholm/Kopenhagen); hier sind die verschiedenen Quellen widersprüchlich. In den ersten Jahren erfolgte die Abfertigung im heutigen Kopfbau des Verwaltungsgebäudes im Nordteil des Flughafens. Zur Passagierbeförderung kamen vor allem Iljushin IL-12 mit einer Kapazität von 20-30 Sitzplätzen zum Einsatz. Zu Messezeiten flogen auch die skandinavische SAS und die niederländische KLM den Flughafen an.

 

Die zivile Luftfahrt in Schönefeld begann also bereits 1946, jedoch hat auch das 2005 begangene 50jährige Jubiläum seine Berechtigung. Die Erklärung ist ganz einfach: Ende 1954 begann sich die DDR-Regierung bei den Sowjets für den Aufbau einer eigenen Luftverkehrsinfrastruktur einzusetzen. Nach zähen Verhandlungen unterschrieben der DDR-Innenminister Willi Stoph und der sowjetische Botschafter G.M. Puschkin den Vertrag über die Mitnutzung des Flughafens Schönefeld. Unmittelbar danach beschloss der Ministerrat der DDR die Gründung eines eigenen Luftfahrtunternehmens mit dem Namen „Deutsche Lufthansa“. Ja, Sie haben richtig gelesen. Von 1955 bis 1963 gab es zwei Fluggesellschaften mit diesem Namen. Aber das ist eine andere Geschichte. Am 30. Juli 1955 traf die erste Maschine der DDR-Lufthansa, eine Iljushin IL-14, in Schönefeld ein. Bis Ende November folgten drei weitere Flugzeuge dieses Typs. Der erste offizielle Flug der Airline beförderte am 16. September 1955 eine Delegation unter Leitung des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl nach Moskau. Die Abfertigung der Passagiere erfolgte in den Anfangsjahren im Südteil des Flughafens, wo zwischen zwei Hangars ein Trakt hergerichtet wurde. Die erste Linienverbindung wurde im Februar 1956 nach Warschau aufgenommen. Es folgten weitere nach Sofia über Prag und Budapest, nach Bukarest und schließlich noch nach Moskau über Vilnius. Die Passagierzahlen waren überschaubar: Im ersten Betriebsjahr beförderte die Fluggesellschaft insgesamt rund 12.500 Reisende.

 

Jetzt nähern wir uns langsam unserem heutigen Jubiläum. Aber der Reihe nach: 1958 einigten sich die DDR und die UDSSR nach erneuten Verhandlungen auf die völlige Übergabe Schönefelds. Die Luftwaffe der Roten Armee hatte 1958 am Standort Sperenberg einen eigenen Militärflughafen gebaut. Ende der 50er Jahre begann man mit dem Ausbau des Flughafens, zunächst wurde die Start- und Landebahn auf 3.000 Meter verlängert.

 

Aber auch die Abfertigungskapazitäten in Schönefeld Süd reichten bei weitem nicht mehr aus. Die Ziele wurden immer zahlreicher und die Frequenzen stark ausgebaut. Aber auch die Flugzeuge wurden immer größer. Am Horizont kündigte sich bereits das Zeitalter der Strahlflugzeuge an. Das erste seiner Art war eine Caravelle der Scandinavian Airlines, die am 30. Oktober 1959 in Schönefeld landete. Ab 1961 flog dann Aeroflot die Strecke Schönefeld-Moskau im Liniendienst mit einer vierstrahligen Tupolev TU-104. Ein größeres Abfertigungsgebäude musste also her.

 

Als letzter Baustein des 1. Ausbauplans wurde deshalb heute vor 50 Jahren eine neue Passagierabfertigung im Nordteil des Flughafens in Betrieb genommen. Ebenso erhielt der Flughafen einen neuen Namen und hieß jetzt „Zentralflughafen Berlin-Schönefeld“. Es handelte sich bei dem Gebäude keineswegs um einen Neubau, sondern vielmehr um eine 120 Meter lange Halle, die noch aus den Zeiten des Henschelwerkes stammte. Für die Reisenden gab es sogar ein Mitropa-Restaurant mit 225 Sitzplätzen. Da kurz zuvor eine Schnellstraße eröffnet wurde und auch die S-Bahn erstmals nach Schönefeld fuhr, verbesserte sich die An- und Abreise zum Flughafen für die Passagiere enorm.

 

Wie es in den Jahren bis zur Wende weiterging lesen Sie in der nächsten Folge.

Veröffentlicht am: 20.07.2012
von gastautor in Flughäfen Schönefeld und Tegel
Schlagwörter: , , , | 3 Kommentare
gastautor

gastautor

Egal, ob freie oder ehemalige Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Abteilungen, Freunde des Flughafens oder ‚Flinke Federn‘ im Allgemeinen – unter der Kennung "Gastautor" schreiben alle, die nur sporadisch über den BER bloggen. Neue Perspektiven und ungewöhnliche Geschichten liefern Abwechslung für den Blog.

Kommentare (3)

  1. Michael schrieb am 20. Juli 2012:

    warum können die Fotos nicht vergrößert werden? :o (

  2. gastautorgastautor schrieb am 23. Juli 2012:

    Hallo Michael,
    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben ihn gern aufgenommen und die Bilder entsprechend geändert. :)

  3. Pingback: Wir gratulieren | Berlin Airport

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